Herbstprogramm
Abendspaziergang goes Offkino. Herbstprogramm mit Gästen im Kino des Filmhaus Bielefeld am 21. und 22.11.2025
Im Rahmen einer Kooperation mit dem Offkino Bielefeld präsentiert der Bielefelder Filmemacher Matthias Müller experimentelle Kurzfilme im Kino des Filmhaus Bielefeld.
Seit den späten 1980er Jahren hat er einige der bedeutendsten Beiträge zum experimentellen Kino in Deutschland geschaffen. Ob in Solowerken oder zusammen mit dem Filmemacher und Videokünstler Christoph Girardet –
im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit angeeignetem, teils zufällig gefundenem, teils aufwendig recherchiertem Material, von Hollywood über Heimkino bis hin zu kommerziellem Archivmaterial und privaten Chatrooms.
Am Freitag, den 21.11. zeigt er in zwei aufeinanderfolgenden Programmen Werke von Studierenden und Absolvent:innen der Kunsthochschule für Medien in Köln. Am Samstag, den 22.11., präsentiert er zusammen
mit dem Filmemacher und Videokünstler Christoph Girardet ein Programm mit einer Auswahl von sechs in gemeinsamer Arbeit entstandenen Filmen.
21.11.2025
19:00 Uhr (Einlass: 18:30 Uhr): „The Act of Seeing“;
21:00 Uhr: „With One’s Own Eyes“.
Ort: Offkino im Filmhaus, August-Bebel-Str. 94, 33602 Bielefeld
Eintritt kostenfrei.
Zwei Programme mit insgesamt 19 Werken von Studierenden der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM), an der Matthias Müller seit 2003 Professor für experimentellen Film ist. Entstanden zwischen 2003 und 2023 im Rahmen des Studiums der Medialen Künste, spiegeln sie eine Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen zwischen Dokumentation, Experiment und poetischer Beobachtung wider.
Die beiden Programme bieten auch die Möglichkeit der Wiederbegegnung mit künstlerischen Positionen, die bereits vergangene Ausgaben des Abendspaziergang mitgeprägt haben. Es gibt eine begleitende Publikation.
Mit Filmen von Manuel Boden, Viktor Brim, Daniel Burkhardt, Marianna Christofides, Eli Cortiñas, Sonja Engelhardt, Florian G.M. Fischer & Johannes Krell, Miriam Gossing & Lina Sieckmann, Ji Su Kang-Gatto, Danila Lipatov, Lukas Marxt, Peter Miller, Stefan Ramírez Pérez, Johanna Reich, Judith Röder, Walter Solon und Anna Malina Zemlianski.
22.11.2025
20:00 Uhr (Einlass:19:30 Uhr): „Tell Me What You See – Filme von Christoph Girardet & Matthias Müller“
Ort: Offkino im Filmhaus, August-Bebel-Str. 94, 33602 Bielefeld
Eintritt: 7 Euro/ermäßigt 5 Euro
Ein Programm mit einer Auswahl von sechs experimentellen Kurzfilmen, präsentiert von Christoph Girardet und Matthias Müller themselves.
Seit den späten 1990ern arbeiten Müller und Girardet kontinuierlich zusammen. Ihre Filme zeichnen sich durch präzise Montage, den Einsatz von gefundenem Material sowie durch eine reflexive Auseinandersetzung mit den Mechanismen des Sehens und Erinnerns aus. Ihr umfangreiches gemeinsames Werk wird international in Ausstellungen und auf Festivals wie Venedig und Berlin gewürdigt und wurde von Ann Arbor bis Zagreb vielfach ausgezeichnet.
Gesamtlänge: 75 Minuten
„Play“ / D 2003 / 7’2. Diese „Montage aus gefundenem Material (…) ist komprimierter Suspense mit Höhen und Tiefen, Verzögerungen und Zuspitzungen, Hochspannung und Witz, immer ein bisschen unheimlich, weil die Fantasie so bodenlos viel in die Gesichter hineinliest.“ Anke Groenewold, Neue Westfälische
„Mirror“ / D 2003 / 8’. „Die schattenreiche Atomisierung einer eleganten Abendgesellschaft, die in flackernder Schönheit erstirbt.“ Andreas Rossmann, FAZ
„Contre-jour“ / D 2009 /10’40. „Im Motiv des Auges schließt sich das Kino mit sich selber kurz.“ Daniel Kothenschulte, Frankfurter Rundschau
„Meteor“ / D 2011 / 15’. „METEOR beschreibt den Weg vom Kinderzimmer in den Kosmos, ein hypnotisches Meisterwerk und eine Huldigung an die Transzendenz im Science Fiction.“ Daniel Kothenschulte, Videonale.scope
„Screen“ / D 2018 / 17’30. „Während er über die Auswirkungen des fließenden Sandes nachgrübelte, verfiel er von Zeit zu Zeit der Illusion, dass er selber in dieses Fließen einbezogen sei.“ (Kōbō Abe)
„Misty Picture“ / D 2021 / 16’32. „Die wiederkehrenden Bilder der [New Yorker Twin Towers] verdichten sich zu einer Montage der Vorahnungen, Ängste und des Verlusts, einer ‚medialen Traumatherapie‘“. Fabian Tietke, taz
Eine Kooperation mit dem
Das Herbstprogramm des Abendspaziergang wird gefördert vom
und von
About
Der Abendspaziergang ist eine Open-Air-Ausstellung in der östlichen Mitte Bielefelds. Entlang eines möglichen Parcours sind an 25 Orten 10 Filmarbeiten, 6 Installationen, 1 Biografie in 3 Garagen und 1 Soundarbeit platziert. An jedem Abend vom 20. bis zum 24. August können die Werke zwischen 21:30 und Mitternacht bei individuellen oder bei kompetent begleiteten Rundgängen angeschaut, angehört und erlebt werden. Die begleiteten Rundgänge werden an jedem Abend der Veranstaltung angeboten. Startzeit und -punkt ist jeweils 21:30 im Hof von Artists Unlimited, August-Schröder-Straße 1. An jedem Abend findet außerdem von 20:00 bis 21:00 je eine Performance oder ein Konzert statt, immer an einem anderen Ort. Die Eröffnung ist am Mittwoch, den 20. August um 19:00 h auf der Freifläche Niedermühlenkamp 64, gegenüber der Sauna 65. c u there!
Parcours
Konzertprogramm
KOU (Lille)
20.08.
Freifläche Niedermühlenkamp 64, gegenüber Sauna 65
Katzen schnurren, eine Frau singt, als würde sie schlafen, Drum-Maschinen stottern und verzerren. Stellenweise ein Harmonium, zarte Gitarrenklänge, Synthesizer, Flöten, Klavierakkorde, ein Hauch von musikalischer Magie und Apolline Schösers Jazz-not-Jazz-Gesang. KOU erzeugen dichte Klangschichten. Man möchte vielleicht nicht für immer hier sein, denn es ist ganz schön verwirrend. Aber es ist eine gute Art von Verwirrung, ähnlich wie beim Anschauen eines Films von David Lynch.
KOU ist ein Musikprojekt von Apolline Schöser und Thomas Coquelet aus Lille/Frankreich.
https://aguirrerecords.bandcamp.com/album/kou
Soundcloud

DAS KINN (Frankfurt)
21.08.
CIA Autowerkstatt, Metzer Straße 15
Seit bald zwei Dekaden schon sendet Klangaktivist Toben Piel in unterschiedlichen Konstellationen Klopfzeichen und Signallaute aus den Katakomben rund um die Frankfurter Bankentürme. Mit seinem ersten Full Length Album „Ruinenkampf“ auf dem Hamburger Label Bureau B, begibt sich Das Kinn auf einen musikalischen Parforceritt durch die Ruinen unserer Zeit. Mittels Kickbox-Phonetik und Elektronik-Armada führt es uns durch eindringliche Klanglandschaften irgendwo zwischen DAF, den Kosmischen Kurieren und dreckigen Bahnhofsvierteln.
Beats auf Anschlag. Knochen klappern. Die Orgel leiert.
Warme Synthlines, gespielt von kalten Händen.
Ein Saxophon sinniert über das Danach.
Hymnen für den Abriss.
Musik zum feierlichen Untergang.

UMARELL&ZDAURA (Brüssel)
22.08.
Baustelle Alsenstraße 31-39
Rhythmisches Geplimper, unverständliches Geschwafel und ein unberechenbares Tempo, das für Tanzambitionen fast eine Strafe ist. Bass und Schlagzeug und sonst nichts – vom abrupten Anfang bis zum abrupten Ende der Songs bleibt keine Zeit für Groove. Umarell & Zdaura, das sind Giulio Erasmus (Bass und Gesang) und Daniel Dariel (Schlagzeug). Das Duo aus Belgien vermischt Einflüsse aus kaputter Elektronik mit Post-Punk-Comedy und tourte während der Lockdowns ausgiebig, um über die Zukunft des kosmischen Flops des Metaversums zu sprechen.
„Umarell“ ist der italienische Begriff für einen älteren Mann, der sich gerne Baustellen anschaut. Für eine Band, die sich zur Hälfte nach so einem Pensionär benennt, ist der Bielefelder Osten ein natürliches Habitat und beste Kulisse.
Giulio Erasmus ist in Bielefeld kein Unbekannter mehr. 2024 hat er mit seinem Soloprojekt ein Konzert gegeben im Lastenaufzug von Artists Unlimited, 2025 war er mit seiner Band „Giulio Erasmus and the End of the Worm“ zu Gast beim großen Jubiläumsfest des Künstler:innenhauses.
https://lepuisard.bandcamp.com/album/umarell-zdaura-s-t

YOUNES ZARHONI (Brüssel)
23.08.
Hinterhof Combi, Luisenstraße 52-55
Younes Zarhoni nimmt uns mit auf eine Reise, die von Gegensätzen erzählt: Licht und Dunkelheit, Ost und West, Stimme und Stille. Er wurde in Antwerpen als Sohn marokkanischer Eltern geboren und lebt heute in Brüssel. Als YZ ist Zarhoni seit langem ein fester Bestandteil der lokalen Elektroszene. In jüngster Zeit interessiert ihn die Kraft reiner Harmonie.
Sein persönliches Klanguniversum verbindet polyphone arabische Gesänge, field recordings und elektronische Kompositionen. Ohne jegliche instrumentale Begleitung entsteht eine Mischung aus gregorianischem Gesang und Boyz 2 Men, artikuliert durch die lyrische Unbeschreiblichkeit arabischer Sprachen und mit einem Rhythmus, der sich aus den Pausen ergibt – als Schnittstellen zwischen Beobachtung und Vorfreude.
Das selbstbetitelte Debüt von Younes Zarhoni erscheint am 20. August 2025 auf KRAAK records.

DECHA (Düsseldorf)
24.08.
Artists Unlimited Hinterhof, August-Schröder-Str. 1
DECHA ist das musikalische Soloprojekt der multidisziplinären Künstlerin und Musikerin Viktoria Wehrmeister. Ihre hybriden Kompositionen bewegen sich zwischen Lo-Fi-Sounds und polyphonen Klangarrangements.
Viktoria Wehrmeister wurde 1968 in Mexiko-Stadt geboren, lebte dort aber nur sieben Jahre lang. 2010 kehrte die Sprache ihrer Kindheit, Spanisch, in ihre Performances zurück. Vergessene Teile ergänzt sie je nach Gefühl, vermischt mit einer erfundenen Sprache. Ihre poetischen Texte enthalten oft Selbstreflexionen über das Leben als Frau, Mutter, Lehrerin und Künstlerin, während sie ihre Stimme spielerisch in Nuancen von hell bis dunkel moduliert und eine klare geschlechtsspezifische Identität überschreitet.
DECHAs Alben „Hielo boca“ (2019) und „La vida te busca“ (2021) sind beim Berliner Label Malka Tuti erschienen.

Künstler:innen
1
Margaret Tait (UK)
A PORTRAIT OF GA, 1952, 4:20 MIN
AU Garten, August-Schröder-Straße 1, Hinterhof
Zarte Bewegungen, scheinbar leicht und doch bestimmt. Rauchend am Fenster, auf dem Feldweg spazierend, beim Auspacken eines Bonbons. Margaret Tait filmt ihre Mutter und kreiert ein abstraktes Portrait, eine vibrierende und sinnliche Reihung von Filmaufnahmen mit losen formalen Verbindungen und Motiven. Eine Ode an die Schönheit des Filmmaterials und ihre lebenserfahrene Protagonistin.
Margaret Tait (1918–1999) Tait ist eine prägende Figur des britischen Avantgarde-Kinos. Sie widmete sich neben dem Film auch der Literatur und veröffentlichte mehrere Bücher, darunter drei Gedichtbände. Ihr Interesse für die Poesie spiegelt sich auch in ihren Filmen wider, die sie selbst als Film-Gedichte beschrieb. Die gebürtige Schottin studierte zunächst Medizin in Edinburgh und finanzierte nahezu all ihre Filme durch ihre Arbeit als Ärztin. Diese Unabhängigkeit prägte ihr Werk, das sie fast immer im Alleingang schuf.
Das künstlerische Werk von Margaret Tait ist weiterhin Gegenstand von Monografien, Programmen, Ausstellungen und Retrospektiven. 2016 erschien die Monografie „Between Categories: The Films of Margaret Tait“ von Sarah Neely, 2022 der Film „Being in a Place – A Portrait of Margaret Tait“ von Luke Fowler. Im Jahr 2010 wurde der nach ihr benannte Margaret Tait Award für in Schottland lebende Filmemacher:innen gestiftet.
https://lux.org.uk/artist/margaret-tait/ https://www.bfi.org.uk/lists/remembering-scotlands-film-poet-margaret-tait
2
ALLISON SCHULNIK (US)
MOTH, 2019, 3:15 MIN
Falkstraße 17, Turm Parkdeck
„Moth“ ist eine Studie über Transformation in 1540 Gouachen. Formen und Motive sind ständig im Wandel begriffen, entstehen, verändern sich, vergehen.
Insekten, Tiere, Menschen und Landschaften gehen hierarchielos ineinander über, jedes einzelne wird für die Dauer eines Moments zum zentralen Motiv.
Transformation, Veränderung ist das Wesen der lebendigen Welt, der biologischen wie der gesellschaftlichen. Eine durchaus gefährliche Illusion ist der Glaube, dass Veränderung aufzuhalten, Vergänglichkeit abzuwenden sei. Nichts in der Welt ist von Bestand, das Einzige, was wir tun können, ist, in dem kurzen Moment, in dem wir zum Motiv werden, eine Bewegung zu vollführen, die die Welt zu einem besseren Ort macht.
Allison Schulnik (*1978 San Diego) arbeitet als bildende Künstlerin in den Bereichen Malerei, Skulptur und Animation und wechselt nahtlos zwischen den Medien. Ihre Werke verbindet eine Sensibilität, die Theatralik mit intensiver emotionaler Verletzlichkeit verbindet.
Schulnik lebt und arbeitet in Sky Valley, Kalifornien. Ihre Filme wurden und werden international auf Festivals und in Museen gezeigt, darunter das MASS MoCA, North Adams, das Hammer Museum, Los Angeles, das Los Angeles County Museum of Art, das Annecy International Animated Film Festival und das Animafest Zagreb.
3
VOJTĚCH NOVÁK (CZR)
EPHEMERA, 2025
Installation
Brüderpfad 8
Vojtěch Novák verarbeitet in dieser Serie authentische Ephemera illegaler All-Night-Raves der 1990er Jahre und trägt sie zurück in den öffentlichen Raum, aus dem sie kommen.
In den 1990er Jahren waren illegale All-Night-Raves ein wichtiger Teil der Jugendkultur in Europa und den USA. Sie zeichneten sich durch Ihre rebellische Haltung, den Do-it-yourself-Spirit und die Ablehnung kommerzieller Clubkultur aus.
Veranstaltungsorte waren abgelegene, nicht dafür vorgesehenen Orte, wie z.B. leerstehende Lagerhallen, Industriebrachen, stillgelegte Bahnhöfe, Tunnel oder Autobahnabschnitte. Die Aneignung und temporäre Umnutzung von ungenutzten aber kommerziell
oder behördlich beanspruchten Räumen spielte eine große Rolle. Die illegalen Raves wurden bewusst außerhalb der Kontrolle von Polizei und Behörden organisiert – ohne Genehmigungen, Sicherheitsvorkehrungen und ohne jedes kommerzielle Interesse.
Sie waren Ausdruck einer Gegenbewegung zu etablierten Kontroll- und Besitzsystemen und zur kapitalistisch motivierten Konsumkultur.
Informationen zu den Veranstaltungen wurden mündlich oder auf Flyern unter gleichgesinnten Mitgliedern der Subkultur von Hand zu Hand verteilt oder als kryptische, rätselhafte Einladungen auf Gehwegen zurückgelassen.
Vojtěch Novák (*1992) ist ein multidisziplinärer arbeitender Künstler, freier Kurator und Kunstforscher in der Schweizer SARN.
Seine Arbeiten werden international präsentiert, unter anderem in der Castlefield Gallery, Manchester, bei A.C. Kupper Modern, Zürich, in der 41 Cooper Gallery und NO MOON in New York, im Kunstpodium T, Tilburg, in der Willem Twee kunstruimte, s-Hertogenbosch, im DOX Center for Contemporary Art,
Prag, in der National Gallery, Prag und im FUTURA Center for Contemporary Art, Prag. Er war Teilnehmer der documenta 14, Kassel, der Manifesta 11, Zürich, der OFF-Biennale, Budapest, und der der Alytus Biennale.
Er initiierte das kollektive Bildungsprogramm ABV und die kuratorische Plattform PGS, die auf Ausstellungen außerhalb institutioneller Räume fokussiert ist. Derzeit ist er Programmdirektor bei GAMPA – City Gallery, Pardubice.
4
BARRY DOUPÉ (CAN)
RED HOUSE, 2022, 3 MIN
Piaggio, Brüderpfad/Heeperstraße 26
Ein rotes Haus, ein gelbes Dach, eine braune Tür. Die Immobilie ist mobil, lebendig, verformt, verändert sich, springt durch die Bildgrenzen. Ein Gesicht ohne Körper, knallbunt!, erwächst aus dem Haus, verwandelt sich, verschwindet. Ganze Menschen erscheinen, viele Menschen, bunte Menschen, dann ein Tier, vier Beine – schon wieder weg. Ein Weihnachtsbaum, ein Auto. Und immer das Haus! Formen! Farben!
Barry Doupé (*1982) hat an der Emily Carr University of Art and Design studiert. In seinen Arbeiten verwendet er Bilder und eine Sprache aus dem Unterbewusstsein, die er durch Schreibübungen und automatisches Zeichnen in die sichtbare Welt bringt. In seinem Werk wechseln sich komplex erzählte Animationsfilme in epischer Länge mit intuitiven, kurzen, spielerischen Arbeiten ab.
Seine Filme wurden in Kanada und international gezeigt, unter anderem beim Ann Arbor Film Festival, in den Anthology Film Archives, New York, im Lyon Contemporary Art Museum und in der Tate Modern, London.
5
ULU BRAUN (D)
BIRDS, 2014, 14:55 MIN
Brüderpfad 43a
Moderne Architektur und Städtebau haben großflächige Habitate geschaffen, die allein auf die Bedürfnisse des Menschen zugeschnitten sind.
Yet – we are not alone.
Inmitten von Asphalt, Beton, Glasfassaden und Müll leben die Gesellschaften der Vögel, die Protagonisten in Ulu Brauns essayistischem Kurzfilm. Sie nutzen die Infrastrukturen des Menschen, um sich einen eigenen Lebensraum zu schaffen, organisieren ihr Leben weitgehend unabhängig vom Menschen. Sie führen ihr eigenes, soziales Leben innerhalb unserer Städte, mit eigenen Regeln, Hierarchien und Rhythmen.
„Der Film entdeckt seine Protagonisten als prähistorische Wesen. Das Filmmaterial wurde in den letzten Jahren auf Reisen in Städte und Vororte gesammelt. Wie orientieren sich Vögel in Räumen, die wir für unsere halten? Die Rhythmen, durch die sie ihre Köpfe bewegen, ihre Augen drehen und ihre Federn schütteln, sind intensiv und führen zu einem anderen Verständnis von Zeitdimension und Raumbesitz.“ (HMKV Dortmund)
Ulu Braun (*1976) ist bildender Künstler und Filmemacher. Seine Videocollagen und Filme bewegen sich zwischen Bildender Kunst, Erzählkino und experimenteller Dokumentation. Seine Arbeiten werden regelmäßig international auf Filmfestivals und in Kunstinstitutionen gezeigt und ausgezeichnet, unter anderem in den KW Berlin, im Hirshhorn Museum Washington DC, im Centre Pompidou Paris, in der Shedhalle Zürich, im Museo de Reina Sofia Madrid und auf der Mercosul Biennale in Porto Alegre. 2013 erhielt Ulu Braun den Deutschen Kurzfilmpreis und 2014 den Berliner Kunstpreis. Im Jahr 2017 wurde er für den besten deutschen Film der Kurzfilmtage Oberhausen und mit dem arte Shortfilm Award ausgezeichnet.
6
JIL LAHR (LUX/D)
HÜ, 2025
Installation
Viktoriastraße 43-45
Informationen zur Künstlerin siehe 13 Jil Lahr.
7
ALIA SYED (UK)
EATING GRASS, 2003, 24:00 MIN
Kronenstraße 3
Der Titel des Films bezieht sich auf eine Bemerkung des pakistanischen Premierministers Zulfikar Ali Bhutto aus dem Jahr 1974, als sich das Land mitten im nuklearen Wettrüsten mit Indien befand. Er sagte, sein Volk würde seine eigenen Atomwaffen bekommen, selbst wenn es dafür „Gras essen“ müsste.
„Eating Grass“ ist ein poetisch gestaltetes Geflecht aus fünf sich überschneidenden Erzählungen, gefilmt in London, Lahore und Karachi. Sie stellen jeweils unterschiedliche emotionale Zustände dar, die im Laufe des Tages erlebt werden und durch die muslimische Tradition der fünf täglichen Gebete geprägt sind. Ein zutiefst meditativer Film, der die Schönheit flüchtiger Erfahrungen über alles andere stellt: Seine Freuden liegen nicht in einer konventionellen Erzählweise. Dieser Film schwelgt in den Schauplätzen und Materialien, aus denen er entstanden ist: ein lebhafter Markt in Karachi, eine nasse Londoner Straße, fließende Stoffe. Inhaltlich wie visuell ist der Film in Schichten angelegt. Bilder und Töne überschneiden sich oder liegen gänzlich übereinander. Erinnerungen, Orte und Zeiten, persönliches Erleben, kulturell geprägte Strukturen, alles berührt sich, alles ist gleichzeitig vorhanden. Auch die Erzählstimmen liegen neben- und übereinander, wechseln zwischen den Sprachen, erzeugen Rhythmen, Melodien und mithin eine musikalisch-ästhetische Bedeutungsebene.
Alia Syed (*1964 in Swansea, Wales) beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Fragen der (kulturellen) Identität, mit Repräsentation und Sprache. Oftmals integriert sie neben Bildern und Figuren auch Ton und Text,
um Strukturen persönlicher und kollektiver Erzählungen zu erforschen und zu hinterfragen.
Ihre Filme werden seit mehr als 20 Jahren international auf Festivals und in Museen gezeigt, unter anderem im KIran Nadar Museum of Art,
New Delhi, im Los Angeles County Museum of Art, im Museum of Modern Art, New York, im Museo National Centro de Arte Reina Sofia, Madrid, in der Hayward Gallery, London, in der Tate Britain, London, im Glasgow Museum of Modern Art.
ANMERKUNG: Der Film hat keine Untertitel. Die Erzählstimmen wechseln zwischen den Sprachen Englisch und Urdu und sind auch für Menschen, die diese Sprachen beherrschen, oft nicht oder nicht durchgängig zu verstehen.
8
TIMO KATZ (D)
O.T., 2025
Installation
Grünstreifen Teutoburger/Ecke Heeper Straße
Timo Katz ist bildender Künstler und bewegt sich in den Bereichen Installation, Foto, Film und Performance. In seiner Arbeit untersucht er wiederkehrend das Sujet der gebauten Substanz als Materialisierung menschlicher Denkprozesse einerseits und als Ausdruck von Gesellschaft und sozialer Interaktion andererseits. Er verwirrt und fordert die Betrachter*innen durch das Spiel mit Dimensionen, Wiederholungen und Perspektiven.
Timo Katz hat Fotografie und Film-Design im Fachbereich Gestaltung an der Fachhochschule Bielefeld studiert. Er arbeitet an Soloprojekten und hat in der Vergangenheit regelmäßig mit Uli Schallenberg, Berlin, und Jan Fuchs, Kassel zusammengearbeitet.
Seine Arbeiten wurden international auf Ausstellungen gezeigt, darunter das Museum of Contemporary Art, Taipei, Rom for Kunst, Oslo, Verein für Zeitgenössische Kunst, Leipzig, Kunst-Werke Berlin, Färgfabriken, Stockholm und Kunsthalle Osnabrück.
9
JODIE MACK (UK/US)
PERSIAN PICKLES, 2012, 2:50 MIN
FAU, Metzer Straße 20
„Persian Pickles“ ist eine stroboskopische Studie des Paisleymusters. Dieses abstrakte, tropfenförmige Ornament entstammt ursprünglich persischen Stoffen und wurde im Westen im 18. Jahrhundert in Form von irischen Quilts und später als Symbol sowohl der amerikanischen als auch britischen Gegenkultur bekannt.
Jodie Mack (*1983) ist eine experimentelle Filmemacherin, die in ihren Arbeiten die Beziehung zwischen abstrakter Kunst und massenproduzierten, dekorativen Bildern untersucht. Mack recycelt und belebt gefundene Materialien aus dem Alltag. Der stroboskopische Effekt in ihren Animationen verleiht Dingen, die wir sonst als banal empfinden würden, eine kinetische Energie. Durch die Verwendung ornamentaler Muster und Materialien wie Textilien, Modeschmuck und Bastelpapier beschäftigt sich Mack mit einer umfassenderen Neugestaltung der Kunstgeschichte. Sie bezieht künstlerische Ausdrucksformen wie Handwerk und Volkskunst ein, die aufgrund ihrer Assoziation mit Weiblichkeit, Häuslichkeit oder Nützlichkeit historisch marginalisiert wurden.
Ihre Filme wurden international auf Festivals und in Kunstkontexten gezeigt, darunter das Locarno Film Festival, das Toronto International Film Festival, das New York Film Festival, das Jeonju International Film Festival die die Viennale. Sie präsentierte Solo-Programme unter anderem beim 25FPS Festival, den Anthology Film Archives, beim BFI London Film Festival, dem Harvard Film Archive, der National Gallery of Art, REDCAT, dem International Film Festival Rotterdam, den Shenzhen Independent Animation Biennale und dem Wexner Center for the Arts.
Jodie Mack ist Professorin für Animation am Dartmouth College Hanover, US.
10
ELENA PECENOVÁ (CZR)
IT’S THE YEAR 2041, 2024
Plakatinstallation
CIA Autowerkstatt, Metzer Straße 15
Elena Pecenová erschließt den Raum über Gedichte aus ihrem aktuellen Buch „Na cestu zpět si zapínám skryté titulky“ (Auf dem Rückweg schalte ich versteckte Untertitel ein), Adolescent, 2023. Sie kombiniert diese mit Aufnahmen einer Performance in einem besetzten Haus in Porto. Selbstporträts, die während der Performance aufgenommen wurden, verschmelzen mit der evokativen Ästhetik von Rave-Postern und erzeugen so eine bewusste visuelle Dissonanz. Was repräsentiert das Jahr 2041? Sind diese Poster Einblicke in eine Zukunft, die niemals eintreten wird?
In ihrer Arbeit konzentriert sich Elena Pecenová auf performative Kunst und zeitgenössische Literatur. Sie arbeitet derzeit daran, das Genre der künstlerischen Novelle zu erweitern. Sie hat zwei Gedichtbände veröffentlicht: „Jako bych očima fotografovala stále ty stejné snímky“ (Als ob meine Augen immer dieselben Bilder fotografieren würden), NAVU, 2022 und „Na cestu zpět si zapínám skryté titulky“ (Auf dem Rückweg schalte ich versteckte Untertitel ein), Adolescent, 2023. Sie ist Mitglied des Kunstkollektivs PGS und war bis 2021 Chefredakteurin der digitalen Kurationsplattform für zeitgenössische Poesie Psí víno, wo sie weiterhin als Kuratorin tätig ist.
https://www.instagram.com/elena.pecenova/
11
SEVERIN BLACK (D/UK)
THANK YOU LORD, 2025
8-Kanal-Soundinstallation
Passage, Klinikum Bielefeld Mitte, Oelmühlenstraße 28
Mit dem Rückgang christlich-religiöser Praxis verschwindet in Deutschland zunehmend der Bedarf nach sakralen Räumen. Kirchen werden geschlossen, das Inventar wird entfernt und taucht nicht selten im Handel als billige Dekorationsobjekte auf.
Severin Black kauft solche säkularisierten Relikte über Handels-Plattformen im Internet und bindet sie in seine Live-Performances und Installationen ein – in diesem Fall eine hohe Orgelpfeife, die er wie einen Obelisken in das Zentrum eines polyrhythmischen 8-kanaligen gaelischen Choralstückes platziert, ein Leuchtfeuer im Nebel für den müden Reisenden. Das Choralstück erfüllt den Gang von beiden Seiten, bewegt und entwickelt sich ständig weiter. Während der Objektteil der Installation aus einer deutschen Kirche stammt, verweist das Chorwerk auf den Ort, an dem der Künstler seine frühe Kindheit verbracht hat, Wales. Keltische Sprachen und heilige Traditionen hallen nach, geprägt von Zeit und stiller Verwandlung.
Severin Black wurde in Aberystwyth in Wales geboren und hat dort seine frühe Kindheit verbracht. 2022 ist er aus London nach Berlin gezogen. Er arbeitet in den Bereichen Sounddesign, Tontechnik und Komposition und ist ein aktives Mitglied der
Experimentalmusik-Szene.
Er hat Konzerte und Performances an bedeutenden Orten gegeben, darunter das Southbank Center und das Cafe OTO in London. 2023 war er Teil des Abendspaziergangs mit einer experimentellen Performance mit Klarinette,
Feedback und Bass.
12
DANIEL BURKHARDT (D)
MIGRANTS, 2021, 5:30 MIN
Hinterhof Combi / Garten, Luisenstraße 52-55
Der Dollart ist eine Meeresbucht an der Emsmündung zwischen Deutschland und den Niederlanden, geformt von Gezeiten und Sturmfluten, aber auch den Techniken von Land- und Energiegewinnung. Über den genauen Verlauf der Grenze gibt es bis heute keine Einigkeit zwischen den Staaten. Nicht an politischen Grenzen orientieren sich die Zugvögel, die dort jedes Jahr überwintern. MIGRANTS ist augenscheinlich ein Porträt der Zugvögelschwärme, setzt sich dabei aus ein-sekündigen, sprunghaft aneinander anschließenden Aufnahmen zusammen: Eine Bewegung, durchbrochen von ständigen Bildgrenzen, die der Film nicht so sehr abbildet, als er sie erschafft, und dabei der Metapher der migrierenden Vögel mit genuin filmischen Mitteln politischen Gehalt verleiht. (Kasseler Dokfest)
Daniel Burkhardt (*1977) arbeitet als Künstler in den Bereichen Video und audiovisuelle Installation. Wiederkehrendes Thema seiner Arbeit ist die menschliche Wahrnehmung. Auf so spielerische wie formal avancierte Weise untersucht er den Prozess der Wahrnehmung selbst wie auch den ihrer Verarbeitung.
Seine Videos und Installationen wurden international in Museen, Ausstellungen und auf Filmfestivals gezeigt, u.a. beim New York Video Festival, dem Internationalen Filmfestival, Rotterdam und den Internationalen Kurzfilmtagen, Oberhausen. 2015 gewann er den Hauptpreis für Film und Video beim Stuttgarter Filmwinter, 2020 den Experimental Award beim Bolton International Film Festival.
HINWEIS: Am 21. November kommt Daniel Burkhardt zum Herbstprogramm des Abendspaziergang ins OFFKINO in Bielefeld. Er wird an diesem Abend zwei Filmprogramme von Studierenden der Kunsthochschule für Medien in Köln vorstellen.
https://danielburkhardt.de/en/works/migrants/
13
JIL LAHR (LUX/D)
UNGLÜCKSBRINGER, 2022
Installation
Tana Cosmetics, August-Bebel-Straße 213
Aberglaube ist die Überzeugung, dass sich aus einer beobachteten Gegenwart eine Zukunft erkennen oder möglicherweise beeinflussen lässt. Ein Erklärungsmuster, das uns hilft, mit unsicheren oder unberechenbaren Situationen umzugehen; der Erfahrung von Hilflosigkeit und Chaos ein Gefühl von Folgerichtigkeit, Kontrollierbarkeit und Ordnung entgegensetzt.
In vielen Kulturen ist die schwarze Katze eine stark aufgeladene Figur, mit widersprüchlichen Bedeutungen. Sie gilt sowohl als Unglücksbringerin als auch als Glücksbringerin, je nach kulturellem Kontext. Wird die Begegnung mit ihr in vielen europäischen Traditionen als schlechtes Omen gedeutet, symbolisiert sie in anderen Kulturen Schutz und Wohlstand.
Jil Lahr (*1991) arbeitet interdisziplinär in den Bereichen Malerei, Skulptur und Installation. Das Sammeln und das Ver-Sammeln sind die Basis ihres künstlerischen Schaffens. Vorgefundene, dem Alltag entnommene Materialien fügt sie in einem intuitiv-spielerischen
Prozess zu neuen Bild- und Assoziationswelten zusammen.
Das Material und die Objekte werden in unterschiedlichen Formen miteinander verknüpft, aus dem alten Bedeutungskontext herausgelöst und in neue, unerwartete Zusammenhänge und Bedeutungen gebracht.
Sie hat 2019 ihren Master-Abschluss an der HFBK Hamburg gemacht. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen und Projekten präsentiert, darunter Kunsthaus Hamburg, der Kunstverein Harburger Bahnhof, Hamburg, Galerie Oel-Früh, Hamburg, Palais für aktuelle Kunst, Glückstadt, Temporary Gallery, Köln, Sammlung Falckenberg, Hamburg, Art Brussels, Kunsthalle Ost, Leipzig, Galerie Conradi, Hamburg, Raum für zeitbezogene Medien und Sound, Hamburg.
https://www.instagram.com/jil_lahr/
14
NAOYUKI TSUJI (JAP)
FRAGMENTS, 2016, 8 MIN
Hinterhof Niederwall 67
„Fragments“ basiert auf dem ersten Kapitel von Hans-Christian Andersens „Die Schneekönigin“: Der Teufel erschafft einen Spiegel, der als ein Zerrbild der Welt nur die schlechten Eigenschaften aller Wesen abbildet.
Von seiner Macht berauscht lässt der Teufel den Spiegel in den Himmel hinauftragen, um auch Gott und den Engeln Kälte, Unglück und Scham zu bringen. In zitternder Vorfreude auf sein böses Wirken zerspringt der Spiegel in viele tausend Teile.
Die Splitter (fragments) regnen zurück auf die Erde, in die Augen und Herzen der Menschen, die nun nichts Gutes mehr sehen und keine Liebe mehr fühlen können.
Naoyuki Tsuji: „Der Originaltext schildert eine Katastrophe,
die durch eine Technologie verursacht wurde. Ich sehe eine Verbindung zwischen der Geschichte (von Hans Christian Andersen) und dem Unfall im Atomkraftwerk, der sich 2011 in Japan ereignet hat. Ich habe versucht,
durch die Verflechtung der Darstellung der ursprünglichen Geschichte und eines realen Unfalls eine neue Form des Animationsfilms zu schaffen.“
Naoyuki Tsuji (*1972) erstellt seine Filme nach dem Vorbild von William Kentridge. Jede Szene entsteht auf einem einzigen Blatt Papier, auf das er mit Kohle zeichnet, fotografiert, dann Teile, die bewegt werden, ausradiert, weiter zeichnet und wieder fotografiert. Die radierten Linien verschwinden nicht ganz und sammeln sich im Verlauf der Szene zu Spuren der Bewegung, sichtbar gemachtem Vergehen von Zeit. Tsujis Figuren sind aus einfachen Formen gebaut und tragen kindlich-unschuldige Züge. Eine Ästhetik, die die fantastischen Verwandlungen und albtraumhaften Situationen, die diese Figuren durchmachen, für Teilnehmer:innen der westlichen Kultur nicht erwartbar machen.
Naoyuki Tsujis Filme werden auf Festivals und in Museen in Asien, Europa, den USA und Kanada gezeigt, darunter das Eyeworks Festival of Experimental Animation, Chicago, Brooklyn und Los Angeles, das Museum of Modern Art, New York, das Iwasaki Museum, Yokohama, das festival du film documentaire, Marseille, das Black Movie International Film Festival, Genf, das Ann Arbor Film Festival, die San Francisco Cinematheque.
https://lightcone.org/en/filmmaker-865-naoyuki-tsuji
15
PILVI TAKALA (FIN)
EASY RIDER, 2006, 4:35 MIN
El-Miari Lebensmittelladen, Oelmühlenstraße 5
In einer fahrenden Straßenbahn in Amsterdam bittet ein junger Mann einen Fremden, ihm kurz seinen Laptop zu leihen. Er möchte den Inhalt einer DVD überprüfen. Der Fremde willigt ein, überrascht von der ungewöhnlichen und etwas übergriffigen Bitte. Es wird weder die letzte noch die übergriffigste bleiben. Innerhalb kürzester Zeit werden die Grenzen des persönlichen Raums, die einem Menschen in einem öffentlichen Verkehrsmittel zugebilligt werden, destabilisiert. Für die umgebenden Personen entsteht eine beunruhigende Situation: ein Übergriff, der das unausgesprochene Regelwerk der Gemeinschaft verletzt.
Pilvi Takala (*1981) lebt und arbeitet in Berlin und Helsinki. Ihre Videoarbeiten basieren auf performativen Interventionen im (halb) öffentlichen Raum, oft mit versteckter Kamera gefilmt. Sie untersucht die Regeln und Grenzen gesellschaftlicher Gruppen und Gemeinschaften, indem sie sie subtilen Störungen aussetzt.
Takala vertrat Finnland bei der 59. Biennale von Venedig 2022. Ihre Arbeiten wurden u.a. im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich, auf der Seoul Mediacity Biennale, im Kiasma Museum of Contemporary Art in Helsinki, im CCA Glasgow, auf der Manifesta 11, im Centre Pompidou, im MoMA PS1, im Palais de Tokio, im New Museum, in der Kunsthalle Basel, im Kunstinstituut Melly und auf der 9. Istanbul–Biennale ausgestellt.
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ARIANNE OLTHAAR, MARIOLIJN VAN DER MEIJ (NL)
SOUVENIR FROM AFRICA, 2002, 7:00 MIN
Fundus Laden, Ravensberger Straße 55
Ein Kammerspiel.
In einer sparsam eingerichteten Wohnung im vierten Stock eines vorstädtischen Hochhauses fristet ein illegal als Haustier gehaltener Affe ein einsames Leben ohne Stimulation und Abwechslung. Sein einziger Dort-Seinsgrund ist die Bedürftigkeit seines Halters nach etwas Besonderem in seinem Leben.
„Souvenir from Africa“ basiert auf der Erzählung „Sin god was een mens“ von W. F. Hermans. Die Geschichte erzählt von der existentiellen Einsamkeit und Verzweiflung des Menschen, von der Fragilität eines Glücks, das immer nur kurz währen kann.
Arianne Olthaar (*1970) und Mariolijn van der Meij (*1970) leben beide in Den Haag und haben von den 1990er Jahren bis 2010 gemeinsam Filme produziert.
Arianne Olthaar produziert weiterhin experimentelle Filme,
Fotos und Miniatur-Modelle, die sich oft mit der Vergänglichkeit von Idealen und Formgebungen beschäftigen. Sie hat in den Niederlanden viele Preise und Stipendien erhalten und ihre Arbeiten sind international auf
Ausstellungen und Festivals zu sehen.
Mariolijn van der Meij arbeitet als bildende Künstlerin in den Bereichen Zeichnung, Fotografie, Collage und Papierskulptur. Ihre Arbeiten werden regelmäßig europaweit ausgestellt.
https://arianneolthaar.nl
https://www.haagsekunstenaars.nl/cv/993
F1–F6
STEFANIE KLINGEMANN (D)
Fährten (Odeur Urbain) – eine olfaktorische Intervention im Stadtraum (2025)
Kerosene „Promises, Promises“
Litfaßsäule Teutoburger-/Ecke Webereistraße
Fragrance World „Signature White“
Mühlenstraße/Ecke Webereistraße 32
Chloé „Nomade“
Netto, Heeper Straße 78
Calvin Klein „Contradiction“
Mühlenstraße 24 und 26
Montale Paris „Oud Island“
Platz Luisen-/Ecke Bielsteinstraße
Kerosene Maison F. Kurkdjian „Aqua Universalis“
Lutter, Turner-/Ecke Ravensberger Straße
An sechs Orten im Bielefelder Stadtraum werden während des Abendspaziergang Parfums versprüht – flüchtige Duftspuren, nicht sicht- aber wahrnehmbar. Jedes Parfum trägt einen Namen, der wie ein Titel emotionale und poetische Inhalte mit der Substanz und den Träger:innen der Substanz verknüpft. Die Titel öffnen Assoziationsräume und laden zur Projektion ein. Die Stadt wird in dieser Arbeit als künstliches System verstanden – ein durchgeplanter, kontrollierter Raum, in dem auch menschliche Körper bestimmten Codes unterliegen. Parfüm ist in diesem Kontext ein Mittel der Inszenierung: Es überlagert den eigenen Geruch, erzeugt ein Bild, eine Rolle, eine Absicht. Es ist Duft als Maske – und zugleich als Spur.
Stefanie Klingemann ist bildende Künstlerin mit den Schwerpunkten Skulptur, Interventionen im öffentlichen Raum, Performance und Partizipation. Sie erhielt verschiedene Projektförderungen und Stipendien, darunter das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds, das Atelierstipendium des Kölnischen Kunstvereins und das Residenzstipendium, Schloss Balmoral. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Artothek Köln, dem Arp Museum, Rolandseck, dem Marta Herford, dem Kunsthaus NRW und dem IKOB Museum für Gegenwartskunst, Eupen ausgestellt. Sie lebt und arbeitet im Rheinland und lehrt am Institut für Kunst im öffentlichen Raum und Kulturelle Bildung der Universität Siegen.
B1
SACHA BROHM (D)
Ein Schriftsteller-Leben in Garagen, 2025
Die Kindheit
Helmholtzstraße 22a
„Ich erinnere mich an die schweren Türen. Ich erinnere mich an dunkles, schweres Holz. Ich erinnere mich an Erbsensuppe. Dicke, matschig-grüne Erbsensuppe, die Mutter in einem riesigen Kübel für uns fünf Kinder alle zwei Tage zubereitet.
Ich erinnere mich daran, wie sie schnauft, den klobigen Holzlöffel in der dicken Masse bewegt und diese am Ende auf unseren Tellern verteilt. Schmatzend sitzen wir am Holztisch, treten uns unter dem Tisch teils neckend,
teils vollen ernsten Geschwisterhasses; Futterneid, die Liebe der Mutter, der ewige Kampf um die Anerkennung, wenn man weder das älteste noch das kleinste Kind ist. Halt gibt das Einfache. Ein Stückchen Holz, aus dem in der Fantasie
mal ein Boot wird, dann wieder ein Popstar.
Erste Gedichtvariationen entstehen hier, mein Lyrik-Band „Tolstoi im Wartesaal“ noch im im pubertär-wahnhaften Stakkato-Stil, die ersten Erzählungen „Das offene Grab“ und
„Die Phoenix-Tränke“ nehmen Form an. Ich erinnere mich an kalte Nächte, wenn es kalt war und an heiße Nächte, wenn es heiß war. So einfach kann das Leben sein.“
Der Bielefelder Lesebühnenautor Sacha Brohm vereint in seinen Texten Elemente aus den unterschiedlichsten literarischen Gattungen. Da kann in einem Moment noch ein Schlagertext absurd interpretiert werden und im nächsten Augenblick findet sich der Leser in einer Märchenwelt wieder, in der es um Alltagsprobleme wie den Besuch bei einer Krankenkasse geht. Diese Texte präsentiert er alljährlich in seinen Mondo Brohmo-Lesungen.
B2
SACHA BROHM (D)
Ein Schriftsteller-Leben in Garagen, 2025
Jahre des Aufbruchs
Metzer Straße 8
„Ich verlasse die Geborgenheit der Erbsen, das schwere Lachen des Vaters, die schnaufende Mutter am Herd. Doch ich täusche mich selbst und traue mich – im Nachhinein kann man das ja zugeben – nur einige Straßen weiter in die Welt des
wilden Kunstkollektivs „Italo-Popper-Armee“. Jeder und jedem seine eigene Garage! Wir brauchen Platz! Wir nehmen uns Platz!
Was ist das für eine Welt, die ich dort entdecke! Von Erbsen will hier niemand etwas wissen.
Wir fressen das LEBEN! Wie es kommt: roh, blutig, miteinander, gegeneinander, auch hier wird getreten und um Anerkennung gekämpft, doch was hier entsteht, ist Kunst! Wir wissen das. Und wer es nicht wissen will, dem schreien wir
es nachts durch die offenen und geschlossenen Fenster. DER HALL GIBT UNS RECHT!
Ich schreibe Theaterstücke wie im Wahn: „Wie viele Rolltreppen hat Bielefeld?“, „Bauernpfanne Hawaii“, „Sein Name war Pepino Bölb“
und das dumpfe, sozialkritische „30.000 Arbeitslose/teilen sich ne Jogginghose“. Aufgeführt werden die mitunter fünf Stunden langen Stücke aus der Schreibmaschine direkt auf dem Hof. Aus den Nachbarhäusern geteiltes Echo.
Viel Anerkennung, viel Kritik, ich ertrinke in triefendem Selbstmitleid und orgiastischer Selbstliebe.
Dann der Durchbruch mit „In irgendetwas bist du der Sechstbeste“. Das am häufigsten aufgeführte zeitgenössische Stück über
schwere Entscheidungen.“
B3
SACHA BROHM (D)
Ein Schriftsteller-Leben in Garagen, 2025
Gelassenheit und Ankunft
Ehlentruper Weg 62
„Die Stücke machen mich reich und ich bin im Alter in der Lage, der Familie etwas zurückzugeben. Wir ziehen weiter und kommen an. Es ist genügend Platz für alle. Mittlerweile kocht Mutter Erbsensuppe
für die Enkel und Enkelinnen. Ein buntes Treiben, heiteres Miteinander, Gespräche, Geschreie. Was bringt die Zukunft? Was brachte die Vergangenheit? Was haben wir in der Gegenwart?
Ich arbeite an meiner Biografie. Sechshundert Seiten sind anvisiert. Doch wer kann ein Leben kürzen? Ich war noch nie ein Freund der Zurückhaltung. Meine Erziehung verbietet mir, mich zurückzuhalten,
und andere sollen davon profitieren.
Und wenn dann mittags die Erbsensuppe serviert wird, ist alles beim Alten. Das neckende Treten unter dem Tisch, der Geruch von Geborgenheit, das schwere Lachen des Vaters,
die schnaufende Mutter, die Gewissheit, dass das alles wahr ist.“
Im Jahr 2025 wird der Abendspaziergang gefördert von:

